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Klaus ist ja der »bessere« Mann, und das zeigt sich nirgends deutlicher als in seinem Verhältnis zum NS. Er hat sich persönlich stark exponiert und hat dafür bitter bezahlt – nicht allein durch Emigration, die mit dem Sieg über Nazi-Deutschland zu ende hätte sein können, sondern letztlich auch durch seinen frühen Tod im nun »freiwilligen« Exil. Wobei: Was ist schon freiwillig, wenn das alte Heimatland ihn nach wie vor ablehnt, weil er schon lange vor dem Krieg gewusst und klar benannt hatte, welch schlimmen Geistes seine Mitbürger*innen auch nach dem Ende der Nazi-Herrschaft immer noch waren?

Ca. 100 Jahre lang existierte das »unverteilte Gebiet« Neutral Moresnet, ganz in der Nähe von Aachen. Eigentlich war es nicht viel mehr als das heutige Dörfchen Kelmis, allerdings gab es dort zwischen den Napoleonischen Kriegen und dem 1. Weltkrieg eine bedeutende Zinkmine, die das Gebiet wirtschaftlich interessant machte.

Was passiert, wenn es einfach keine Regierung, jedenfalls keinen Staat gibt? Oder, wenn es nicht nur einen, sondern zwei Staaten gibt, die nur gemeinsam entscheiden dürfen, sich aber notorisch nicht einigen können? Wie sieht real existierende Anarchie aus? Braucht es wirklich Gerichte und ein staatliches Gewaltmonopol? Moresnet ist quasi eine Langzeituntersuchung zu diesem Thema, die eine recht eindeutige Antwort abgeliefert hat, nämlich: »alles halb so wild, es läuft ganz prima auch ohne Institutionen«.

Philip Dröge informiert sehr kurzweilig, ein bisschen popularisiert, auf Niederländisch (es gibt aber auch eine deutsche Ausgabe) über ein Land, das eigentlich unvorstellbar ist, und trotzdem ganz gut funktioniert hat.

Das Buch der Königstöchter ist der zweite Teil von Theweleits auf vier Bände angelegter Pocahontas-Reihe.

Es widmet sich zwei wesentlichen Schwerpunkten, nämlich einerseits den mit der griechischen Landnahme verknüpften Mythen um Götter und Königstöchter sowie ihren Heroen-Söhnen, allen voran Medea, der Kinder es allerdings gar nicht erst bis zum Heldenstatus bringen. Und andererseits der realhistorisch, aber mythologisch überformten Figur der Malinche, die bei der Eroberung Mexicos durch Cortés geschätzte und wirksame Hilfe des Conquistadors war.

So ein Glück muss man erstmal haben: Ein Jahresstipendium als ausländischer Schriftsteller in Berlin, und dann bricht vor den eigenen Augen die DDR zusammen. Cees Nooteboom, der bereits in den 50ern Erfahrungen mit der DDR und dem Ostblock gesammelt hatte, ist genau das passiert. Seine Berliner Notizen sind als Tagebuch formuliert, das den Weg von scheinbarer Normalität im Osten der Stadt hin zum totalen über-den-Haufen-Werfen aller Sicherheiten und Routinen schildert. Auch wenn es in der Rückschau sicher die eine oder andere redaktionelle Bearbeitung gegeben haben dürfte, sind die Notizen doch ein sehr persönlicher Zugang zu den Ereignissen von 1989/90, die nicht besonders ambitionierten Schwarzweißfotos verstärken den Eindruck der Privatheit noch.

This is the second part in the ever-growing series of peculiar novels by Ransom Riggs.

The basis for these novels are vintage photographs with weird and often clumsy "special effects" that the author used to collect. In the first novel of the series, the author made use of these pictures as a scaffold around which he created a race of peculiars that have all the special powers and abilities depicted in the photos. These peculiars have invented a system to live outside time which basically means: eternal life, but outside history and at the cost of inhibiting any development personally or as a group. However, they can travel, and they can even travel through time. While the first part was set mainly during WW2, this part plays during WW1 – Riggs seems to love war settings.

Zum Weihnachtsfest kursiert bekanntlich viel Halbwissen und viel zu Klischees: Das Konsumfest ohne Inhalt, der angeblich von Coca-Cola erfundene Weihnachtsmann oder die Identität mit heidnischen Lichtfesten.

Herrn Göttert kommt das Verdienst zu, die Fakten zur Geschichte, zum Inhalt und zur Wirkung des Weihnachtsfestes sehr gründlich und fachübergreifend zusammengetragen zu haben. Er beginnt mit einer kritischen Würdigung des biblischen Befunds, geht über zu kirchengeschichtlichen Untersuchungen der Fixierung von Datum und Inhalt des Weihnachtsfests sowie zu Vergleichen mit verwandten christlichen und heidnischen Festen und Fest-Praktiken. Breiten Raum nimmt die Kulturgeschichte des Festes ein, wobei die Unterscheidung zwischen evangelisch und katholisch einen vergleichsweise breiten Raum einnehmen, während die soziale Frage oder auch Ausführungen zu den orthodoxen Kirchen vergleichsweise unterbelichtet bleiben.

Cas, die Hauptperson in Kiefts Roman De Onvolmaakten, lebt in einer mehrfach dystopischen Welt. Da ist einerseits die alleswissende KI, die direkt in die menschlichen Sinnesorgane eingespeist wird und die Rolle eines beratenden großen Bruders oder besten Freundes einnimmt. Da ist aber andererseits auch eine nur angedeutete ökologische und ökonomische Katastrophe. Der Großteil der Menschen scheint mehr schlecht als recht zu überleben und Quatschjobs verschiedenster Art zu übernehmen. Ein irgendwie noch funktionaler Staat versorgt aber auch sie mit allem, was man zum Leben wirklich benötigt, außerdem noch die eine oder andere Annehmlichkeit und, natürlich, den Zugang zur KI.

Back in the 90s setzte der renommierte katholische Alttestamentler Erich Zenger sich dafür ein, dem Alten Testament, der Geschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk Israel, auch innerhalb der katholischen Kirche die ihm zustehende Bedeutung zuzugestehen. Er strebte daher unter anderem eine Abkehr vom als erniedrigend befundenen Namen Altes Testament an und diskutierte verschiedene weniger abwertende Bezeichnungen, z.B. Erstes Testament, das es dann auch auf in den Buchtitel geschafft hat. Das ist einerseits ein bisschen egoistisch, letztlich setzte er sich ja für eine Aufwertung seines eigenen Forschungsgebietes ein. Es bestand aber andererseits ein echter Bedarf für diese Intervention. Zenger zitiert in seinem Buch zahlreiche, teilweise haarsträubende Texte seiner Kollegen, die bis in die 80erjahre hinein das Alte Testament als bloßes Anhängsel, quasi als nachgeschobenes Prequel des Neuen Testaments verstehen und es damit dem Neuen Testament unterordnen. Selbst Joseph Ratzinger wird von Zenger mehrfach des Irrglaubens bezichtigt – das ist durchaus pikant, weil jener in den 90ern zwar noch nicht Papst, aber immerhin bereits Präfekt der Glaubenskongregation war.

Mendel Singer lebt die verdichtete und verallgemeinerte Version eines typischen Lebens osteuropäischer Jüd:innen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Verdichtung bedeutet: Es passiert ganz schön viel, nämlich: Ein Sohn behindert (spricht nicht), ein Sohn weg (Armee) ein weiterer Sohn weg (Flucht vor Wehrdienst). Tochter promiskuitiv, dann Emigration in die USA (geflüchteter Sohn inzwischen dort), Sohn dann tot, Tochter in Nervenklinik. Dann noch ein Happy Ending, das hier nicht gespoilert werden soll.

Trotz der verdichteten Handlung ist Mendels Leben ein sehr ruhiges und langsames. Er ist nicht einfach der Fels in der Brandung, der mit allen Schicksalsschlägen schon irgendwie umgehen kann, sondern er ist der unbewegliche Maßstab, an dem sich die Geschwindigkeit des vorbeiziehenden Lebens seiner Familie erst bemessen lässt. Das liest sich recht angenehm und es lässt auch Raum, sich auf die detaillierte Beschreibung der weitgehend verloren gegangenen Kultur des Ostjudentums zu konzentrieren und sich an ihr zu erfreuen.

Klaus Modicks Roman Keyserlings Geheimnis ist ein Art Totalrekonstruktion eines Lebens anhand weniger Fragmente. Vergleichbar vielleicht mit den lebensnah gemalten Darstellungen von Sauriern, basierend auf wenig mehr als einige Knochenreste. Modick nimmt das dürre biographische Material, ergänzt es um mutmaßlich sehr frei als autobiographisch ausgelegte und zurechtgeformte Bruchstücke aus Keyserlings eigenen Werken und füllt das Ganze auf mit einer gehörigen Portion Kenntnis von Zeitgeist und Milieu sowie einer Messerspitze Phantasie. Was herauskommt, ist ein ruhig dahinfließender Roman über die Münchner Künstlerbohème zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Es wirkt alles sehr fin-de-siècle-mäßig, obwohl es dafür natürlich eigentlich zu spät ist